Der LesbenRing blickt mit großer Trauer auf die Ereignisse am Samstagabend, als bei einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf den CSD in Berlin einer Person das Leben genommen wurde und 29 weitere Menschen, teils schwer, verletzt wurden. Ein Abend, der für queere Sichtbarkeit stehen sollte, endete in Trauer und Angst. Unsere Gedanken sind bei den Verletzten, den Angehörigen, den Familien und Freund*innen und bei allen Queers, die jetzt voller Sorge, Angst und Wut auf das Geschehen und die Reaktionen blicken.
Wir sind traurig und wir sind wütend. Kaum bekommt die queere Community Zeit zu trauern, wird der Anschlag schon instrumentalisiert und das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten weiter zuspitzen: Der Angriff am Samstag war kein Angriff auf uns alle, sondern ein Angriff auf queeres Leben! Doch genau das wird kaum erwähnt. Stattdessen nutzen hochrangige Politiker*innen die Herkunft des Täters, um über die freiheitlichen Werte dieses Landes zu sprechen und rassistische, migrationsfeindliche und autoritäre Narrative weiter zu stärken und auszubauen. Dabei war queere Vielfalt für unseren Bundeskanzler bislang nur ein „Zirkus“, für unsere Bundesfamilienministerin Karin Prien keine Förderung wert.
Auch jetzt, nach dem Anschlag, sehen wir: Es geht nicht um uns, es geht schon wieder nur um die Bestärkung eines rechten Diskurses. Wir müssen über den Schutz queeren Lebens sprechen, und das nicht erst dann, wenn es tote Queers sind. Wir müssen über rechtsextreme, fundamentalistische, queerfeindliche Ideologien reden, die von der aktuellen autoritären Politik gestärkt werden. Die Gewalt gegenüber queerem Leben wird genährt durch eine Politik der Unsichtbarmachung und Ausgrenzung. Wir haben Angst um unsere queeren Siblings, die von Rassismus betroffen sind, denn sie werden nun zur Projektionsfläche für einen vereinfachten Diskurs. Personen, die selbst von rassistischer und antimuslimischer Ausgrenzung betroffen sind, werden zum Feindbild erklärt. Dabei ist Queerfeindlichkeit ein strukturelles Problem, das in unserer Politik und unserer Gesetzgebung sitzt.
Statt halbherziger Symbolpolitik fordern wir langfristige Zusicherung queerer Schutzräume, strukturelle Finanzierung von Unterstützungs- und Bildungsangeboten und Einbindung fachlicher, intersektionaler Expertise im Kampf gegen Queerfeindlichkeit.
Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes muss endlich um den expliziten Schutz aller LGBTQIA*+Personen ergänzt werden.
Wir lassen uns nicht instrumentalisieren für eine migrationsfeindliche Debatte rund um neue Sicherheitsreformen, sondern fordern eine konsequente Unterstützung demokratiebildender Maßnahmen, Fördergelder für queere Vereine, Hilfsprojekte und Präventionsarbeit und konsequenten Schutz queeren Lebens. Queerfeindlichkeit wird nicht durch einen aufgerüsteten Sicherheitsapparat abgeschafft.
Doch was uns Mut gibt, ist die queere Community selbst. Innerhalb einer Nacht wurde eine Trauerkundgebung organisiert: Von Trauer. Zu Wut. Zu Widerstand. Starke Redner*innen sprechen sich gegen einen vereinfachten Diskurs und eine Freund-Feind-Ausspielung aus und fordern konsequente Unterstützung. Was wir jetzt brauchen, ist eine unmissverständliche Haltung gegen queerfeindliche, rassistische und faschistische Gewalt in jeder Form. Lasst uns gemeinsam trauern, lasst uns gemeinsam wütend sein, lasst uns füreinander da sein!
Ihr fühlt euch alleine, überfordert, ohnmächtig? Es gibt Anlaufstellen, holt euch Unterstützung, seid in dieser schwierigen Zeit nicht alleine:
L-Support: https://l-support.net
Maneo: https://maneo.de
Hate-Aid: https://hateaid.org/#
Schwulenberatung: https://schwulenberatungberlin.de
Lambda Bund: https://lambda-online.de